{"id":1688,"date":"2026-03-04T17:01:18","date_gmt":"2026-03-04T16:01:18","guid":{"rendered":"https:\/\/organizingarchitectures.org\/institutionen-netzwerke-diskurse\/"},"modified":"2026-03-04T17:19:18","modified_gmt":"2026-03-04T16:19:18","slug":"institutionen-netzwerke-diskurse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/organizingarchitectures.org\/de\/institutionen-netzwerke-diskurse\/","title":{"rendered":"Institutionen \u2013 Netzwerke \u2013 Diskurse"},"content":{"rendered":"\n<p>In den drei Arbeitsfeldern \u201eInstitutionen\u201c, \u201eNetzwerke\u201c und \u201eDiskurse\u201c fragt das Kolleg nach der Genese von organisierten und organisierenden Architekturen, deren Konsequenzen f\u00fcr gesellschaftliche R\u00e4ume und planerischen Entwicklungsoptionen. Dabei betrachten wir die drei genannten Arbeitsfelder nicht als pr\u00e4zise voneinander zu trennende, wissenschaftliche Perspektiven. Die Frage nach Institutionen, Netzwerken und Diskursen bildet unabh\u00e4ngig von den historisch und methodisch verschiedenen Zug\u00e4ngen des Kollegs den gemeinsamen Rahmen aller Beteiligten. \u00dcber eine Analyse der Institutionen wird auf gegenseitige Abh\u00e4ngigkeiten von Akteuren in Systemen fokussiert; bei einer Betrachtung von Netzwerken werden Erkenntnisse \u00fcber weitreichende Verflechtungen und deren strukturellen Gegebenheiten m\u00f6glich; in der Erforschung von Diskursen wird die Konstruktion von Narrativen und Kanon genauso untersucht wie Fragen der Rezeption und Modellbildung. Das Kolleg fordert damit den wissenschaftlichen Nachwuchs heraus, Architekturen als Produkte komplexer, kollektiver und organisierter Praktiken innerhalb gesamtgesellschaftlicher und politischer Prozesse interdisziplin\u00e4r zu erforschen, um ihrem polykausalen Zustandekommen und Wirken Rechnung zu tragen. Dementsprechend sind Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Disziplinen und Forschungsrichtungen beteiligt, die den Kollegiat*innen unterschiedliche Sichtweisen auf Architekturen bieten.     <\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Arbeitsfeld 1: Institutionen<\/h3>\n\n<p>Im Mittelpunkt des Arbeitsfeldes Institutionen stehen Prozesse der gelenkten Orientierung, Reglementierung und \u201eOrganisierung\u201c von Prozessen, Menschen und Dingen. Hier treten Konzepte der Effizienz, Funktionalit\u00e4t, Geschichtlichkeit, Hygiene, Objektivit\u00e4t, Rationalit\u00e4t, Pr\u00e4zision, Nachhaltigkeit, Normativit\u00e4t, Professionalisierung, Partizipation, Sicherheit und Transparenz sowie deren mediale Repr\u00e4sentationen in den Vordergrund und werden auf ihre legitimatorische, diskurssteuernde und \u00e4sthetische Funktion hin untersucht. Historisch erfolgten die b\u00fcrokratisch-administrativen Verlagerungen der Planungst\u00e4tigkeiten durch die Implementierung von Oberbaudirektionen sowie Bau- und Planungsdezernaten, die Ausdifferenzierung eines formalisierten Auftrags- und Wettbewerbsverfahrens, der institutionalisierten Ausbildung in Bauakademien und technischen Hochschule, die juristische Regulierung von Planungs-, Bau- und Wettbewerbsprozessen, die Gr\u00fcndung von Architektenvereinen, Interessenverb\u00e4nden und Organisationen wie dem Bund Deutscher Architekten 1903 in Frankfurt am Main sowie dem Deutschen Werkbund 1907 in M\u00fcnchen (Schwartz 1999). Mit den totalit\u00e4ren Regimen des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts l\u00e4sst sich eine weitere Welle der staatlichen Einflussnahme auf die Planungspraxis sowie deren B\u00fcrokratisierung beobachten. Die damit verbundenen Ideale und Ideologien wirkten bis weit \u00fcber die 1960er Jahre hinaus in den Planungsdiskursen nach. Nach dem Krieg entstanden etwa mit den Banlieues in Frankreich auf kommunaler Ebene zahlreiche Gro\u00dfprojekte, die im besonderen Ma\u00dfe politische Programme, sozialwissenschaftliche Forschungen, aktuelle gesellschaftliche Fragen, kollektive Identit\u00e4tsbildungsprozesse, Erkenntnisse des internationalen Planungsdiskurses sowie Reformen der Architekt*innenausbildung miteinander verbanden. In den letzten Jahren r\u00fcckten Architekturen staatlicher, nichtstaatlicher und supranationaler Organisationen wie die UNESCO, UN, die EU, aber auch von Bautr\u00e4gern, Unternehmen, Banken und Versicherungsgesellschaften sowie von regulatorischen Instanzen in den Fokus der Forschung. Das Arbeitsfeld erforscht diese f\u00fcr die Architekturgeschichte eminent wichtigen Entwicklungen weiter und bezieht dazu grundlegende Erkenntnisse der Organisationssoziologie, Institutionenanalyse sowie der Verwaltungswissenschaften ein. Dabei nimmt das Kolleg grunds\u00e4tzlichen an, dass die \u201everk\u00f6rpernde Selbstdarstellung einer Ordnung\u201c durch die \u201esymbolische Kodierungskraft von Architektur\u201c (Rehberg 2009) ein entscheidendes Kriterium f\u00fcr die Legitimation von Institutionen darstellt. Forschungsfragen ergeben sich z.B. aus folgenden Untersuchungsgegenst\u00e4nden: kollektive und beh\u00f6rdliche Planung und Denkmalpflege, Archive, politische Entscheidungsprozesse, Normierung, Gesetzgebung, institutionelle Legitimationsstrategien, mediale Repr\u00e4sentationsvorgaben, Wettbewerbsverfahren, Beteiligungsstrategien und der gesamte nicht reglementierte Bereich informeller Handhabungen, darunter auch Abweichungen und erlaubte Regelverletzungen sowie die medientechnologische Organisation des Entwerfens; aber auch die architektonisch-monumentale Verk\u00f6rperung von Institutionen sowie patriarchalisch gepr\u00e4gte Strukturen, Prozesse und Vorbilder.         <\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Arbeitsfeld 2: Netzwerke<\/h3>\n\n<p>Parallel zu den Institutionalisierungsprozessen der Moderne gewinnt ein polyzentrales Verst\u00e4ndnis von Raum zunehmend an Bedeutung: Stra\u00dfen- und Schienensysteme werden beispielsweise seit dem Ende des 18. Jahrhunderts als Netze vorgestellt, Gartenst\u00e4dte und Siedlungskomplexe als \u00fcber Verkehrs- und Kommunikationswege miteinander verbundene Knotenpunkte. Im Zeitalter der Digitalisierung entstehen immer komplexere Raumkonfigurationen, die eine eigene spezifische Topographie jenseits realer Orte entfalten. Der Netzwerkbegriff interessiert das Kolleg nicht allein als historisches oder zeitgen\u00f6ssisches Ph\u00e4nomen einer infrastrukturellen und medientechnologischen Neuordnung des Raumes. Ankn\u00fcpfend an kulturwissenschaftliche Interpretationen sieht es darin eine heute mehr denn je wirksame Kulturtechnik, die in einem umfassenden Sinne Beziehungen zwischen Lebewesen, Dingen und Ideen organisiert. Entsprechend befasst sich das Arbeitsfeld nicht nur mit dem materiell gebauten Netzwerk, sondern auch dem Netzwerk in seiner sozial-gesellschaftlichen Begrifflichkeit als Komplex aus Akteur*innen, Medien und Objekten, aber eben auch aus Institutionen und Organisationen. Angesichts dieser hybriden Verfasstheit von Netzwerken stellt sich im Anschluss an zahlreiche Reflexionen zum Netzwerkbegriff am Anfang dieses Jahrhunderts die Frage, ob die \u201eDichotomie zwischen Kultur und Natur\u201c (Rudolph-Cleff\/Gehrmann 2020), zwischen \u201eorganisch\u201c und \u201eartifiziell\u201c (B\u00f6hme 2004), zwischen Realpr\u00e4senz und medialer Realit\u00e4t nicht als ein moderner Mythos zu betrachten sei (Latour 2007; Latour\/Yaneva 2008; Martin 2003). Zu beleuchten w\u00e4re dies insbesondere in Bezug auf die Annahme einer ontologischen Differenz zwischen dem sch\u00f6pferischen Subjekt und den ihm gleichsam objekthaft gegen\u00fcbergestellten Organisationen, Institutionen, Netzwerken und Medien. Angesichts einer zunehmend netzwerkartig strukturierten Welt, stellt sich allerdings mehr denn je die Frage nach dem Erkenntnispotential solcher Erkl\u00e4rungsmodelle f\u00fcr die Untersuchung formalisierter Planungsprozesse, normativer Visualisierungsstrategien, organisatorisch-institutioneller Verfahrensweisen und Expertenkulturen. Im Rahmen des Kollegs kommt dem Konzept des Netzwerks die \u00fcbergeordnete Bedeutung eines Erkenntnisinstruments zu. Anders als bisherige Forschungen zu biographischen Verflechtungen der Protagonist*innen in der Architekturgeschichte liegt der Fokus des Arbeitsfeldes auf organisatorischen Prozessen, politischen B\u00fcndnissen, \u00f6konomischen Abh\u00e4ngigkeiten oder Institutionalisierungen sowie deren repr\u00e4sentativen und b\u00fcrokratischen Formen. Es werden Strukturen von Verb\u00e4nden, Vereinen, Kammern, Vertreter*innen der Bauwirtschaft sowie privaten und informellen Netzwerken und deren Formen des \u201eSich-Organisierens\u201c, wie Organigramme, Zust\u00e4ndigkeitsverteilungen, Austauschformen, Art der Zusammenk\u00fcnfte und Kommunikationsmedien untersucht. Dabei spielen Aspekte wie Interessensvertretung, Selbstverwaltung, Kollektivierung und Austausch, Distinktion und Gruppendynamiken eine Rolle: Interpersonelle Repr\u00e4sentationen (wer vertritt wessen Interessen in welchen Netzwerken, welche Konfigurationen bilden Interessen welcher Gruppierungen ab), aber auch Handlungsanweisungen und Zielvereinbarungen von NGOs oder der UN, sowie lokale Ma\u00dfnahmen wie B\u00fcrgerbegehren oder -beteiligung in Planungsprozessen werden mit Fragen von Diversit\u00e4t und (unterschiedlichen) Sichtbarkeit der beteiligten Gruppen und Akteur*innen, Protest- und Alternativbewegungen zusammengef\u00fchrt.           <\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Arbeitsfeld 3: Diskurse<\/h3>\n\n<p>Das Kolleg erforscht wie Diskursr\u00e4ume konstruiert und dekonstruiert werden, welche Medialit\u00e4ten und Archive als Evidenz und Berechtigung herangezogen oder ignoriert werden, und wie wissenschaftliche Diskursbildung sich in Architekturformen manifestiert. Als Bedingung architekturrelevanter Diskurse sind dabei disziplin\u00e4re, soziale, r\u00e4umliche und digitale Zu- und Unzug\u00e4nglichkeiten ebenso in Rechnung zu stellen wie die Frage, wie Diskursdominanz strukturell geschaffen, verteidigt und umk\u00e4mpft wird. Das \u00f6ffentliche Interesse an Architektur ist in der Moderne mit neuen Formaten und Medien der Reflexion wie Essays, Berichterstattungen, Polemiken, Kritiken und Manifesten verbunden. Auch dienten die Architekturen der Moderne zunehmend der Projektion ideologisch-politischer Ordnungsvorstellungen sowie der institutionellen Selbstdarstellung. Beides l\u00e4sst sich unschwer an der Prominenz neuer Bauaufgaben (Museen, Parlamentsbauten, Banken, B\u00f6rsen usw.) und den gesellschaftlichen Debatten, die sich bis heute daran entz\u00fcnden, nachvollziehen. Beispielhaft seien hier das Palais de Justice de Bruxelles (1866-1883), die Projekte Georges-Eug\u00e8ne Baron Haussmanns in Paris (1853-1870), das Palais des Nations in Genf (1927), der UNESCO-Hauptsitz in Paris. In j\u00fcngerer Zeit f\u00fchrten z.B. die Hauptstadtplanungen in Berlin, Ground Zero in New York oder die neue Frankfurter Altstadt zu nennen. Mit dem Aufkommen korporativer Organisationen wie den Kapitalgesellschaften und Interessengemeinschaften (wie Vereine oder Verb\u00fcnde) Ende des 19. Jahrhunderts einerseits und der Ausweitung des staatlichen Interventionsbereiches andererseits l\u00e4sst sich eine immer engere Verquickung von Politik, Wirtschaft und Staat beobachten. Seit dem wachsenden Einfluss der Massenmedien im fr\u00fchen 20. Jahrhundert und endg\u00fcltig mit Globalisierung und Digitalisierung im 21. Jahrhundert erreichten derartige Verflechtungen ihren vorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt. In j\u00fcngeren Entwicklungen spielen Real-Labore eine zunehmend wichtige Rolle in der Stadtentwicklung, in denen neben zeitlich-begrenzten Ver\u00e4nderungen im \u00f6ffentlichen Raum (z.B. Sperrung f\u00fcr den motorisierten Verkehr) auch Daten zu den damit verbundenen Zielen (z.B. mehr Fahrradfahrer*innen) erhoben werden (Pandit et al. 2020). In wie weit die dabei gewonnenen Erkenntnisse in den politischen und gesellschaftlichen Diskurs einflie\u00dfen und l\u00e4ngerfristige Planungen beeinflussen ist bisher wenig untersucht. F\u00fcr das Arbeitsfeld zentral ist die Frage nach der (mehr oder weniger strukturellen) Einbindung diverser Akteur*innen und Interessengruppen. Relevanz erlangen Konzepte wie das \u201eSprachrohr\u201c, Stellvertretung und Repr\u00e4sentanz, Ideologien und Lebensweisen, die Verbindung mit politischen Interessen sowie Formen und M\u00f6glichkeiten der Kritik. Von Interesse sind dabei Narrative, mediale Berichterstattungen (wer schreibt wo, wann und wie \u00fcber Bauvorhaben?), digitale Plattformen, Vermittlungsangebote wie Ausstellungen und F\u00fchrungen sowie jegliche Formen von Architekturkritik und -journalismus.             <\/p>\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>B\u00f6hme, Hartmut: Einf\u00fchrung \u2013 Netzwerke. Zur Theorie und Geschichte einer Konstruktion, in: J\u00fcrgen Barkhoff\/Hartmut B\u00f6hme\/Jeanne Riou (Hrsg.): Netzwerke. Eine Kulturtechnik der Moderne, K\u00f6ln 2004.  <\/li>\n\n\n\n<li>Latour, Bruno: Eine neue Soziologie f\u00fcr eine neue Gesellschaft: Einf\u00fchrung in die Akteur-Netzwerk-Theorie, Berlin 2007.<\/li>\n\n\n\n<li>Latour, Bruno\/Yaneva, Albena: \u201cGive me a gun and I will make all buildings move\u201d: an ANT&#8217;s view of architecture, in: Reto Geiser (Hrsg.): Explorations in Architecture: Teaching, Design, Research, Basel 2008, S. 80\u201389.<\/li>\n\n\n\n<li>Pandit, Lakshya\/Vasquez, Gladys Fauggier\/Gu, Lanqing\/Kn\u00f6ll, Martin: How Do People Use Frankfurt Mainkai Riverfront During a Road Closure Experiment? A snapshot of public space usage during the coronavirus lockdown in May 2020, in: Cities &amp; Health, Vol. 5, Issue sup 1 (2020), S. 243\u2013262, <br\/>https:\/\/doi.org\/10.1080\/23748834.2020.1843127.  <\/li>\n\n\n\n<li>Rehberg, Karl-Siegbert: Gebaute Raumsymbolik. Die \u2018Architektur der Gesellschaft\u2019 aus der Sicht der Institutionenanalyse, in: Joachim Fischer\/Heike Delitz (Hrsg.): Die Architektur der Gesellschaft.Theorien f\u00fcr die Architektursoziologie, Bielefeld 2009, S. 109\u2013136. <\/li>\n\n\n\n<li>Rudolph-Cleff, Annette\/Gehrmann, Simon: Water as a Resource, in: Wang Fang\/Martin Prominski (Hrsg.): Water-Related Urbanization and Locality, Singapore 2020, S. 219\u2013236.<\/li>\n\n\n\n<li>Schwartz, Frederic: Der Werkbund. Ware und Zeichen. 1900\u20131914, Dresden 1999.  <\/li>\n<\/ul>\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den drei Arbeitsfeldern \u201eInstitutionen\u201c, \u201eNetzwerke\u201c und \u201eDiskurse\u201c fragt das Kolleg nach der Genese von organisierten und organisierenden Architekturen, deren Konsequenzen f\u00fcr gesellschaftliche R\u00e4ume und planerischen Entwicklungsoptionen. 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