{"id":1768,"date":"2026-04-13T11:51:26","date_gmt":"2026-04-13T09:51:26","guid":{"rendered":"https:\/\/organizingarchitectures.org\/frankfurt-flughafen-spotterplatz-west-und-centerbahn\/"},"modified":"2026-04-14T13:56:00","modified_gmt":"2026-04-14T11:56:00","slug":"frankfurt-flughafen-spotterplatz-west-und-centerbahn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/organizingarchitectures.org\/de\/frankfurt-flughafen-spotterplatz-west-und-centerbahn\/","title":{"rendered":"Frankfurt Flughafen \/ Spotterplatz West- und Centerbahn"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich sitze auf einem f\u00fcr diesen Zweck aufgestellten Baumstamm au\u00dferhalb des Flughafengel\u00e4ndes und blicke auf die Startbahn West. Ich bin vom Fernverkehrsbahnhof hierher gelaufen. Laut Google braucht man zu Fu\u00df eine Stunde, ich habe eher zwei gebraucht. Unterwegs hielt ich immer wieder an, um ein Foto zu machen oder nahm den Umweg anstelle der k\u00fcrzesten Strecke.<br\/>Je weiter ich mich von den Terminals entferne, desto st\u00e4rker ver\u00e4ndert sich die Atmosph\u00e4re. Wo am Terminal alles von Geschwindigkeit und Ordnung bestimmt wird \u2013 ein Regime, dem man sich besser unterordnet, will man sich nicht verd\u00e4chtig machen \u2013 herrscht hier drau\u00dfen eine gr\u00f6\u00dfere Gelassenheit. Zwar starten und landen auch hier min\u00fctlich Flugzeuge, doch erweckt die Gesch\u00e4ftigkeit keinen hektischen Eindruck. Ein Grund mag die Weite des Flugfeldes sein. An diesem Ort ist sie deutlich wahrnehmbar, im Terminal hingegen verschwindet sie fast vollst\u00e4ndig. Es ist als existierte im Terminal kein Horizont und das obwohl doch alles von dort auf den Horizont zustrebt \u2013 Flugzeuge, Passagier*innen, Fracht. Das Terminal er\u00f6ffnet den Weg, aber verstellt den Blick. Diese Tatsache l\u00e4sst sich auch daran ablesen, dass alle Kontrollen im Inneren des Terminals stattfinden.            <br\/>Das Gef\u00fchl von Kontrolle ist dort allgegenw\u00e4rtig. Hier drau\u00dfen hingegen, f\u00fchle ich mich ziemlich unkontrolliert.<br\/>Was mich hier vom Flugfeld und also der Luftseite des Flughafens trennt ist ein drei Meter hoher Maschendrahtzaun mit ypsilonf\u00f6rmiger Stacheldrahtkrone. Kleine Gel\u00e4ndeverspr\u00fcnge zwischen meinem Sitzplatz am Stra\u00dfenrand, der luftseitig verlaufenden Ringstra\u00dfe und dem Asphalt der Startbahn verschwinden optisch. Ich f\u00fchle mich gleichauf mit den Flugzeugen, zumindest solange sie nicht abgehoben haben.    <br\/>Der Kontrollapparat des Terminals scheint hier drau\u00dfen keine Bedeutung zu haben. Und doch w\u00fcrde ich vermutlich nur allzu schnell mit ihm in Kontakt treten, k\u00e4me es mir in den Sinn den Zaun zu \u00fcberklettern. <\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1273\" height=\"1920\" src=\"https:\/\/organizingarchitectures.org\/wp-content\/uploads\/Startbahn-West-c-Anna-Derriks.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1762\" style=\"aspect-ratio:0.6630243084247006;width:818px;height:auto\" title=\"\" srcset=\"https:\/\/organizingarchitectures.org\/wp-content\/uploads\/Startbahn-West-c-Anna-Derriks.jpg 1273w, https:\/\/organizingarchitectures.org\/wp-content\/uploads\/Startbahn-West-c-Anna-Derriks-480x724.jpg 480w, https:\/\/organizingarchitectures.org\/wp-content\/uploads\/Startbahn-West-c-Anna-Derriks-640x965.jpg 640w, https:\/\/organizingarchitectures.org\/wp-content\/uploads\/Startbahn-West-c-Anna-Derriks-720x1086.jpg 720w, https:\/\/organizingarchitectures.org\/wp-content\/uploads\/Startbahn-West-c-Anna-Derriks-960x1448.jpg 960w, https:\/\/organizingarchitectures.org\/wp-content\/uploads\/Startbahn-West-c-Anna-Derriks-1168x1762.jpg 1168w\" sizes=\"auto, (max-width: 1273px) 100vw, 1273px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Startbahn West, \u00a9 Anna Derriks<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Obwohl es laut ist \u2013 startende Flugzeuge wechseln sich ab mit vorbeirauschenden LKWs \u2013 herrscht eine ruhige Atmosph\u00e4re. Beinahe so als w\u00e4re der Urlaub ab diesem Punkt eine bereits realisierte Tatsache und nicht nur eine theoretische M\u00f6glichkeit. Die Grenze zwischen mir und den durch die Flugzeuge angebundenen anderen Territorien scheint hier so d\u00fcnn wie nirgendwo sonst. Gleichzeitig wei\u00df ich, dass mir der Weg ins Innere eines Flugzeuges und mit ihm in diese anderen Territorien, \u00fcber die regul\u00e4ren Wege offener steht als \u00fcber diesen. Dass ich es von diesem Baumstamm aus in das Innere eines Flugzeuges und mit diesem \u00fcber eine fremde Landesgrenze schaffe, ist h\u00f6chst unwahrscheinlich und mit vielen Risiken behaftet. Beim \u00dcbersteigen des Zauns k\u00f6nnte ich mich verletzen. Ich k\u00f6nnte entdeckt und festgenommen werden, was mit Sicherheit negative Auswirkungen auf mein Forschungsvorhaben h\u00e4tte. Ich k\u00f6nnte es eventuell bis zu einem Flugzeug schaffen, aber wohl nicht hinein, weil es wahrscheinlich nur \u00fcber eine Passagierbr\u00fccke zug\u00e4nglich w\u00e4re und ich ja auch keine Bordkarte vorzuweisen habe. Im schlimmsten Fall k\u00f6nnte ich bei dem Versuch, von hier aus ins Flugzeuginnere zu gelangen, sterben, weil ich beispielsweise den hei\u00dfen Turbinen zu nahe komme. Alles in allem ist die N\u00e4he und Leichtigkeit, die mir von meinem Platz auf dem Baumstamm vor Augen steht, ein Trugbild.          <br\/>Im Gegensatz dazu ist der Weg durchs Terminal wie f\u00fcr mich gemacht oder zumindest f\u00fcr jemanden wie mich. Weil ich Arbeit habe, habe ich Geld, um mir ein Flugticket zu kaufen. Meine Nationalit\u00e4t best\u00e4tigt die Legitimit\u00e4t meiner Anwesenheit.  My nationality confirms the legitimacy of my presence. <br\/>Meine wei\u00dfe Hautfarbe l\u00e4sst mich unbescholten und unverd\u00e4chtig wirken und mein unbeschriebenes F\u00fchrungszeugnis t\u00e4te sein \u00dcbriges, sollte ich doch einmal in Verdacht geraten. Wenn ich mich bei meinem Weg durchs Terminal an Verhaltensregeln, Gesch\u00e4ftsregeln und Hoheitsrechte halte, werden sich mir alle Tore \u00f6ffnen und zwar ohne dass ich Strafen, Verletzungen und Tot zu f\u00fcrchten habe. Dasselbe l\u00e4sst sich nicht f\u00fcr das \u00dcbersteigen des Flughafenzauns sagen. Sollten sich die Umst\u00e4nde nicht drastisch \u00e4ndern, besteht f\u00fcr mich keine Notwendigkeit zu einem solchen Schritt. W\u00e4re ich jemand anders allerdings, k\u00f6nnte diese Einsch\u00e4tzung auch anders aussehen.    <\/p>\n\n<p><a href=\"https:\/\/organizingarchitectures.org\/person\/anna-derriks\/\">Anna Derriks<\/a> is an architect, photographer and researcher. Her project explores the spatial and aesthetic form that the national border adopts for different types of travellers at Frankfurt Airport. In her search for the border, she moves both through and around the airport, encountering glass walls, fences and sensors along the way.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sitze auf einem f\u00fcr diesen Zweck aufgestellten Baumstamm au\u00dferhalb des Flughafengel\u00e4ndes und blicke auf die Startbahn West. Ich bin vom Fernverkehrsbahnhof hierher gelaufen. Laut Google braucht man zu Fu\u00df eine Stunde, ich habe eher zwei gebraucht. 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