{"id":983,"date":"2024-03-12T11:13:10","date_gmt":"2024-03-12T10:13:10","guid":{"rendered":"https:\/\/organizingarchitectures.org\/wir-wollen-die-architekturwissenschaft-als-forschungsgebiet-etablieren\/"},"modified":"2025-09-29T13:54:18","modified_gmt":"2025-09-29T11:54:18","slug":"wir-wollen-die-architekturwissenschaft-als-forschungsgebiet-etablieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/organizingarchitectures.org\/de\/wir-wollen-die-architekturwissenschaft-als-forschungsgebiet-etablieren\/","title":{"rendered":"\u201eWir wollen die Architektur&shy;wissenschaften als Forschungs&shy;gebiet etablieren\u201c"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Lore Graf: Hallo ihr beiden. Was begeistert euch an dem Thema &#8220;Architekturen Organisieren&#8221;? <\/h3>\n\n<p>Carsten Ruhl: Mich begeistert, dass das Thema die M\u00f6glichkeit bietet, Architekturen weiter zu fassen, als das normalerweise in der Architekturgeschichte der Fall w\u00e4re. Es wird m\u00f6glich, viele verschiedene Disziplinen einzubeziehen und auf eine neue Art und Weise auf architektonische Prozesse zu schauen. Denn wir blicken weniger auf das Gebaute, sondern vielmehr auf die Prozessualit\u00e4t von Architektur.  <\/p>\n\n<p>Sybille Frank: Was mich von Anfang an begeistert hat, ist das Wechselspiel zwischen dem Sozialen und dem Gebauten, was sich auch im Titel des Kollegs widerspiegelt. Den Titel kann man auf zwei Weisen verstehen. Zum einen so, dass Architekturen etwas \u2013 in dem Fall die Gesellschaft \u2013 organisieren, aber auch so, dass jemand die Architekturen organisieren muss.  <\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wie kam es zu der Idee f\u00fcr das Graduiertenkolleg?<\/h3>\n\n<p>Carsten Ruhl: Dem Projekt ging eine jahrelange Vorbereitung voraus. Wir wollten interdisziplin\u00e4r arbeiten und haben \u00fcberlegt, welche Akteure und Institutionen man im Rhein-Main-Gebiet zusammenbringen kann, um auf eine neue, facettenreiche Art und Weise zu Architektur zu forschen. <\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wie sehen diese Kooperationen in der Rhein-Main-Region aus?<\/h3>\n\n<p>Sybille Frank: Durch die Zusammenarbeit zwischen der Goethe-Universit\u00e4t, der TU Darmstadt, der Universit\u00e4t Kassel, einem Max-Planck-Institut sowie dem Deutschen Architekturmuseum k\u00f6nnen wir unterschiedliche Kompetenzen b\u00fcndeln. Das Max-Planck-Institut f\u00fcr Rechtsgeschichte und Rechtstheorie bietet beispielsweise Perspektiven, die wir so an den beiden Universit\u00e4ten nicht haben. Die TU Darmstadt ist indessen \u00fcberwiegend technisch orientiert, dort gibt es eine Architekturfakult\u00e4t, die es wiederum in Frankfurt nicht gibt\u2026  <\/p>\n\n<p>Carsten Ruhl: \u2026 und in Frankfurt liegen die Qualit\u00e4ten in den Kultur- und Geisteswissenschaften. Diese verschiedenen Perspektiven k\u00f6nnen sich gegenseitig bereichern und es uns erm\u00f6glichen, Architektur als gesamtgesellschaftliche Anstrengung zu betrachten. <\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Welche Themenfelder sollen im Rahmen des Graduiertenkollegs untersucht werden? Was sind bisher f\u00fcr Forschungsvorhaben darin angelaufen? <\/h3>\n\n<p>Sybille Frank: Das Kolleg hat drei Arbeitsschwerpunkte: Institutionen, Netzwerke und Diskurse. Wir haben einige Forschungsvorhaben, die sich mit der Entstehung von Gebautem und dessen Rezeption besch\u00e4ftigen. Hier werden unter anderem Parlamentsgeb\u00e4ude in Brasilien, aber auch Spielpl\u00e4tze im Frankfurter Raum untersucht. Wie sind diese baulichen Strukturen entstanden, wie werden sie genutzt und wie werden sie durch solche Nutzungen vielleicht auch ver\u00e4ndert? Wir haben auch Arbeiten, die sich mit Grenzarchitekturen und mit Gef\u00e4ngnissen besch\u00e4ftigen, wo Architekturen also isolieren und spalten sollen.    <\/p>\n\n<p>Carsten Ruhl: Und wir haben mit Forschungsvorhaben zu tun, wo untersucht wird, wie Menschen aus Krisensituationen heraus versuchen, \u00fcber materielle Objektivationen und Architekturen ihr Leben weiterzuf\u00fchren. Es ist ein weites Spektrum. Dabei wird im Graduiertenkolleg neben Deutschland und Europa unter anderem in Sri Lanka, Brasilien, Japan, den USA und Russland geforscht.  <\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Was ist das Besondere am Graduiertenkolleg &#8220;Organizing Architectures&#8221;?<\/h3>\n\n<p>Carsten Ruhl: Es gibt, jedenfalls mit dieser interdisziplin\u00e4ren Ausrichtung, mit diesem Fokus auf die Praxis, kein zweites Graduiertenkolleg dieser Art im Augenblick. Strukturell betrachtet ist es einzigartig, weil es derart unterschiedliche Institutionen mit einbezieht. Das ist eine Herausforderung, organisatorisch wie inhaltlich.  <\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Im Forschungsprojekt sind Professor*innen, Promovierende und Postdocs aus verschiedenen Disziplinen vertreten: Architektur, Politikwissenschaften, Geographie, Jura, Kunstgeschichte, Soziologie und andere mehr. Wie stellt ihr euch die interdisziplin\u00e4re Arbeit vor und was erhofft ihr euch davon? <\/h3>\n\n<p>Sybille Frank: Die Forschungsvorhaben sollen interdisziplin\u00e4r betreut werden. Wir glauben, dass unterschiedliche disziplin\u00e4re Perspektiven nicht nur die Projekte selbst voranbringen, sondern auch unser Kolleg insgesamt. Auf Seminarebene haben wir Austauschformate, in denen wir uns unsere Arbeiten gegenseitig pr\u00e4sentieren. Als Kolleg wollen wir die Architekturwissenschaften als Forschungsbereich etablieren, indem wir Kulturwissenschaften, Planungswissenschaften und Sozialwissenschaften zusammenbringen. Das gibt es so in der Form noch nicht, insbesondere in Deutschland.    <\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Carsten, wie denkst du als Kunsthistoriker mit Schwerpunkt Architekturgeschichte zu der Frage, wie das Organisieren von Architektur sich ver\u00e4ndert hat?<\/h3>\n\n<p>Carsten Ruhl: Ich denke, dass sich allgemein unser Verst\u00e4ndnis von Architektur mit der Globalisierung extrem ver\u00e4ndert hat. Durch die Globalisierung von Lieferketten, Infrastrukturen, das Star-Architekten-System seit den 80er Jahren begreifen wir Architektur nicht mehr als etwas, das stark mit einem spezifischen Ort verbunden ist, sondern ihrerseits als ein globales Ph\u00e4nomen mit all den politischen, \u00f6konomischen und sozialen Effekten, die das mit sich bringt. Zugleich haben wir gerade in den letzten Jahren gesehen, welche gro\u00dfe Bedeutung Architekturen als Orte der politischen Auseinandersetzung haben. Proteste und Demonstrationen finden ja nicht im luftleeren Raum statt. Sie nutzen, adressieren, besetzen oder zerst\u00f6ren urbane R\u00e4ume und deren Architekturen. Gerade der Sturm auf das Kapitol in Washington sowie auf den Platz der drei Gewalten in Bras\u00edlia haben ja gezeigt, dass es hierbei vor allem auch darum geht, starke Bilder zu erzeugen.     <\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sybille, du bist Soziologin mit Schwerpunkt Raumsoziologie. Wie organisiert die Gesellschaft die Architektur? <\/h3>\n\n<p>Sybille Frank: Die Gesellschaft delegiert diese Aufgabe an Expertenkreise, an Architektinnen und Architekten, an Menschen in der Planung, Stadtverwaltungen. Da gibt es ein Geflecht konkreter Gruppen, die sich professionalisiert haben, zum Beispiel in Kammern, Genossenschaften, Investmentfonds und so weiter. Es gibt zudem immer mehr Beteiligungsprozesse an der Herstellung von Architektur, die sich dadurch und insgesamt stark politisiert hat. Was soll Architektur leisten? Das ist ein gesellschaftliches Thema geworden. Heutzutage muss man klimagerecht bauen oder die Architektur soll neue Familienmodelle erm\u00f6glichen durch eine flexible Raumgestaltung. Und, was wir zum Beispiel bei Black Lives Matter beobachtet haben: Architektur kann in ihrer Symbolik f\u00fcr bestimmte gesellschaftliche Gruppen anst\u00f6\u00dfig sein und wird dann vielleicht zertr\u00fcmmert, oder zumindest neu interpretiert. Da ist unheimlich viel los im Wechselspiel zwischen der Gesellschaft und dem Gebauten.        <\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wie k\u00f6nnen Menschen von den Diskussionen und Forschungsergebnissen aus dem Kolleg erfahren?<\/h3>\n\n<p>Carsten Ruhl: Es wird \u00f6ffentliche Veranstaltungen und Ausstellungsprojekte im Deutschen Architekturmuseum und dar\u00fcber hinaus geben, wo wir auch mit Akteuren aus der Praxis ins Gespr\u00e4ch kommen wollen. Es ist uns ein Anliegen, mit der \u00d6ffentlichkeit im Austausch zu sein, denn das Thema ist hochaktuell. Au\u00dferdem wird es einen Blog auf unserer Website geben und wir m\u00f6chten eine Schriftenreihe entstehen lassen, die dann kostenlos auf der Website zur Verf\u00fcgung stehen soll.   <\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Was erhofft ihr euch pers\u00f6nlich von dem Graduiertenkolleg?<\/h3>\n\n<p>Sybille Frank: Ich empfinde es als gro\u00dfes Geschenk, so viele Arbeiten begleiten zu d\u00fcrfen, die sich aus unterschiedlicher Perspektive mit Architektur besch\u00e4ftigen. Davon kann ich als Wissenschaftlerin lernen. Selbst habe ich mich mit dem Thema Erbe befasst. Diese Schnittstelle, Erbe- und Erinnerungskultur und Architektur, ist bisher unzureichend erforscht. Die TU Darmstadt hat zudem einen interdisziplin\u00e4ren Schwerpunkt Stadtforschung, den ich leite. Der Architekturschwerpunkt aus dem Kolleg ist da ein tolle Erg\u00e4nzung. Wir bem\u00fchen uns, das auch f\u00fcr Studierende zug\u00e4nglich zu machen. Es wird jetzt einen Masterstudiengang Urban Studies geben, auch in Zusammenarbeit mit der Uni in Frankfurt.       <\/p>\n\n<p>Carsten Ruhl: In der Kunstgeschichte habe ich eine gewisse intellektuelle Unruhe gesp\u00fcrt in der Besch\u00e4ftigung mit Architektur und das hat mich in den letzten Jahren ziemlich angetrieben. Was mich interessiert, ist dieser Zusammenschluss von Leuten, die \u00fcber ihren Tellerrand hinweg eine Offenheit mitbringen, \u00fcber Architekturen gemeinsam nachzudenken, die in der Lage sind, die Perspektiven der jeweils anderen zuzulassen. In unserer bisherigen Zusammenarbeit habe ich davon bereits profitiert. Das hilft mir, mich selbst immer wieder herauszufordern.   <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lore Graf: Hallo ihr beiden. Was begeistert euch an dem Thema &#8220;Architekturen Organisieren&#8221;? 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