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Call for Papers

Manuals, DIY Instructions, Cookbooks: 
Tools of Architectural Self-Empowerment

Die jüngere Forschung hat sich zunehmend damit befasst, wie architektonisches Wissen in der Nachkriegszeit produziert, transformiert und verbreitet wurde. Ein prominentes Forschungsfeld war die Architekturausbildung, einschließlich der Reform bestehender Institutionen, der Gründung neuer Einrichtungen, curricularer Neuerungen, neuartiger pädagogischer Methoden und des Einflusses studentischen Aktivismus auf die Lehrpraxis. Ein zweites Forschungsfeld hat die gleichzeitige Verbreitung „kleiner“ Architekturzeitschriften untersucht, die die Baukultur durch die Förderung von Innovation, kritischer Debatte und oppositionellem Diskurs umgestaltet haben. Ein dritter, vergleichsweise wenig erforschter Bereich betrifft Werkzeuge architektonischer Selbstermächtigung, etwa Handbücher, Ratgeber, DIY-Anleitungen, Newsletter und Lehrvideos, die Laien die Teilhabe an der Gestaltung der gebauten Umwelt ermöglichten.

Fortschritte in der Bürotechnik, darunter die Kommerzialisierung des Fotokopierers, die zunehmende Erschwinglichkeit des Offsetdrucks und das Aufkommen preiswerter Handkameras und Amateurvideotechnik in den späten 1960er-Jahren, ermöglichten es Praktikerinnen und Praktikern ebenso wie Aktivistinnen und Aktivisten, räumliche Expertise mit einem bis dahin unerreicht großen Publikum zu teilen. Diese Werkzeuge unterschieden sich erheblich in Reichweite und Zielsetzung. Einige übersetzten technisches Wissen in verständliche Begriffe und erklärten, wie man einfache alltägliche Strukturen errichtet, nachhaltige Energie gewinnt oder Land bewirtschaftet. Andere vermittelten organisatorisches Wissen und zeigten der Leserschaft, wie man feministische und queere Räume zu schafft, Gebäude für Menschen mit Behinderungen umzurüstet, Zufluchtsorte errichter, Gebäude zu besetzt, Kooperativen und Kommunen betreibt oder städtische Proteste organisiert.

Ihre Wirkung und Langlebigkeit variierten beträchtlich. Viele waren einmalige Untergrundpublikationen, wie die 1971 erschienene italienische gegenkulturelle Anthologie …ma l’amor mio non muore, die Kritik am Status quo mit praktischen Anleitungen verband, die von der Konstruktion temporärer Selbstverteidigungsstrukturen über Strategien zur Durchführung von Demonstrationen bis hin zu Hinweisen zu informellen Organisationsstrukturen reichten. Die Publikation wurde zu einem Referenzpunkt für die existenziellen und politischen Revolten, die Italien in den 1970er-Jahren prägten. Andere Publikationen erschienen in mehreren Ausgaben und trugen dazu bei, alternative Diskurse über Architektur, Städtebau und räumliche Praxis außerhalb institutioneller Rahmen zu etablieren. So wurde etwa Shelter, ein gegenkulturelles Handbuch von Lloyd Kahn aus dem Jahr 1973 zum Bau geodätischer Kuppeln und anderer improvisierter Strukturen, über 160.000 Mal verkauft und übertraf damit die Verkaufszahlen vieler kanonischer Architekturpublikationen. Im Vergleich dazu verkaufte sich Learning from Las Vegas von Robert Venturi, Denise Scott Brown und Steven Izenour etwa 112.000 Mal weniger. Shelter bot nicht nur Bauanleitungen, sondern enthielt auch Erfahrungsberichte von Nutzerinnen und Nutzern sowie theoretische Reflexionen und trug so zur Etablierung eines architektonischen Paradigmas bei, das sich vom Mainstream-Diskurs unterschied.

Diese Werkzeuge der Selbstermächtigung wirkten über das gesamte politische Spektrum hinweg und wurden von umfassenderen politischen und wirtschaftlichen Kräften geprägt, wobei sie sich oft in einem ambivalenten Terrain bewegten. Bottom-up-Initiativen konnten von Marktakteuren vereinnahmt werden, da Hersteller ihr kommerzielles Potenzial erkannten und sie nutzten, um die Nachfrage nach Materialien und Werkzeugen anzukurbeln. Ebenso eigneten sich regionale, nationale und supranationale Institutionen solche Ressourcen als Instrumente der Steuerung und Dezentralisierung von Macht an und förderten damit die Interessen bestimmter Gruppen. So produzierte etwa der Architekt Yona Friedman in den 1970er- und 1980er-Jahren comicartige Lehrmaterialien für die UNESCO, die eng mit der Entwicklungsagenda der Organisation übereinstimmten >> .

In Vorbereitung auf eine Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum (DAM) und einen begleitenden Sammelband Ende 2028 laden wir zur Einreichung von Beiträgen ein, die sich kritisch mit Werkzeugen architektonischer Selbstermächtigung ab den 1960er-Jahren auseinandersetzen. Die Beiträge sollen die soziopolitischen, kulturellen und wirtschaftlichen Kontexte untersuchen, in denen diese Werkzeuge entstanden, ihre Formen der Verbreitung und Aneignung sowie ihre architektonischen und räumlichen Strategien, Sensibilitäten und Ästhetiken. Besonders willkommen sind Fallstudien zu Regionen und Gemeinschaften, die in der Architekturgeschichte bislang unterrepräsentiert sind, sowie zu Akteurinnen und Akteuren, deren räumliches Wissen marginalisiert oder übersehen wurde.

Mögliche Beiträge umfassen unter anderem (aber nicht ausschließlich):

• Meta-Formate: Handbücher, die zur Erstellung von Handbüchern anleiten, sowie Verzeichnisse oder Zusammenstellungen von Handbüchern
• Politisch motivierte Werkzeuge der Selbstermächtigung, von umweltbewegten, autarken und Prepper-Ansätzen bis hin zu queerem, feministischem, sozialgerechtigkeitsorientiertem und dekolonialem Aktivismus; von linksradikalen und anarchistischen Bewegungen bis hin zu rechtsextremen oder nationalistischen Gruppen
• Wirtschaftlich und institutionell eingebettete Werkzeuge, die sich mit kommerziellen oder staatlichen Kanälen befassen und die Ambivalenzen ihrer Produktion, Verbreitung und Nutzung analysieren
• Andere Formate räumlicher Selbstermächtigung, die traditionell nicht zum architektonischen Kanon gezählt werden, wie Kochbücher, Comics oder Lieder

Wir freuen uns über Vorschläge von bis zu 300 Wörtern, die bis zum 20. Dezember 2026 an carnelli@arch.ethz.ch und linsin@kunst.uni-frankfurt.de zu senden sind. Bitte geben Sie an, ob Sie einen kurzen Artikel (2.000–3.000 Wörter) oder einen langen Artikel (5.000–6.000 Wörter) einreichen möchten. Die Bewerberinnen und Bewerber werden bis Ende Januar 2027 benachrichtigt. Die Volltexte müssen vor dem zweitägigen Hybrid-Workshop eingereicht werden, der für Anfang September 2027 in Frankfurt am Main geplant ist.