Vortrag von Mike Bill beim Interdisziplinären Symposium – Kunst als Erfahrung, Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft
Der Vortrag befasst sich mit dem Potenzial des queer- und affekttheoretischen Begriffs der ‘Textur’ für kunstwissenschaftliche Untersuchungen. Eve Kosofsky Sedgwick (1950–2009) legte den Gebrauch des Texturbegriffs für die historische Arbeit insofern nahe, als sie ihn als Mittel zur Befragung des Stellenwerts zeitgebundener ästhetischer Qualitäten verstand. Ob in physischen oder literarischen Räumen in Erscheinung tretend, gibt die Textur laut Sedgwick über die historischen Verhältnisse von Geschmacksübereinkünften Auskunft.
Als methodisches Mittel können Texturen, so die These dieses Vortrags, dazu beitragen, verfestigten Dualismen in der kunsthistorischen Forschung entgegenzuwirken. Veranschaulicht wird dies am Beispiel der Schweizerischen Landesausstellung von 1964 in Lausanne – kurz Expo 64. Anstatt die auf der Expo 64 präsentierten Großskulpturen von Zoltán Kemény (1907–1965) und Jean Tinguely (1925–1991) als politisch vereinnahmte künstlerische Positionen zu betrachten – und damit eine eindimensionale Gegenüberstellung von autonomem Kunstwerk und ideologischer Ästhetisierung zu bekräftigen –, lenkt die Auseinandersetzung mit ihren Texturen den Blick auf die Projektionen, denen die Oberflächen der Kunstwerke ausgesetzt waren. Im Fall der Texturen von Keménys und Tinguelys „abstrakten Skulpturen“ können solche Projektionen und Imaginationen sowohl von Zukünften erzählen, die durch Freiheit und wirtschaftlichen Erfolg gekennzeichnet sind, als auch Warnungen vor einem drohenden Kontrollverlust infolge zunehmend automatisierter Produktionsprozesse vermitteln.
7. – 8. November 2024
Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft, Zürich