Frankfurt Flughafen / Spotterplatz West- und Centerbahn

16. Januar 2026 / 13.44 Uhr

Ich sitze auf einem für diesen Zweck aufgestellten Baumstamm außerhalb des Flughafengeländes und blicke auf die Startbahn West. Ich bin vom Fernverkehrsbahnhof hierher gelaufen. Laut Google braucht man zu Fuß eine Stunde, ich habe eher zwei gebraucht. Unterwegs hielt ich immer wieder an, um ein Foto zu machen oder nahm den Umweg anstelle der kürzesten Strecke.
Je weiter ich mich von den Terminals entferne, desto stärker verändert sich die Atmosphäre. Wo am Terminal alles von Geschwindigkeit und Ordnung bestimmt wird – ein Regime, dem man sich besser unterordnet, will man sich nicht verdächtig machen – herrscht hier draußen eine größere Gelassenheit. Zwar starten und landen auch hier minütlich Flugzeuge, doch erweckt die Geschäftigkeit keinen hektischen Eindruck. Ein Grund mag die Weite des Flugfeldes sein. An diesem Ort ist sie deutlich wahrnehmbar, im Terminal hingegen verschwindet sie fast vollständig. Es ist als existierte im Terminal kein Horizont und das obwohl doch alles von dort auf den Horizont zustrebt – Flugzeuge, Passagier*innen, Fracht. Das Terminal eröffnet den Weg, aber verstellt den Blick. Diese Tatsache lässt sich auch daran ablesen, dass alle Kontrollen im Inneren des Terminals stattfinden.
Das Gefühl von Kontrolle ist dort allgegenwärtig. Hier draußen hingegen, fühle ich mich ziemlich unkontrolliert.
Was mich hier vom Flugfeld und also der Luftseite des Flughafens trennt ist ein drei Meter hoher Maschendrahtzaun mit ypsilonförmiger Stacheldrahtkrone. Kleine Geländeversprünge zwischen meinem Sitzplatz am Straßenrand, der luftseitig verlaufenden Ringstraße und dem Asphalt der Startbahn verschwinden optisch. Ich fühle mich gleichauf mit den Flugzeugen, zumindest solange sie nicht abgehoben haben.
Der Kontrollapparat des Terminals scheint hier draußen keine Bedeutung zu haben. Und doch würde ich vermutlich nur allzu schnell mit ihm in Kontakt treten, käme es mir in den Sinn den Zaun zu überklettern.

Startbahn West c Anna Derriks
Startbahn West, © Anna Derriks

Obwohl es laut ist – startende Flugzeuge wechseln sich ab mit vorbeirauschenden LKWs – herrscht eine ruhige Atmosphäre. Beinahe so als wäre der Urlaub ab diesem Punkt eine bereits realisierte Tatsache und nicht nur eine theoretische Möglichkeit. Die Grenze zwischen mir und den durch die Flugzeuge angebundenen anderen Territorien scheint hier so dünn wie nirgendwo sonst. Gleichzeitig weiß ich, dass mir der Weg ins Innere eines Flugzeuges und mit ihm in diese anderen Territorien, über die regulären Wege offener steht als über diesen. Dass ich es von diesem Baumstamm aus in das Innere eines Flugzeuges und mit diesem über eine fremde Landesgrenze schaffe, ist höchst unwahrscheinlich und mit vielen Risiken behaftet. Beim Übersteigen des Zauns könnte ich mich verletzen. Ich könnte entdeckt und festgenommen werden, was mit Sicherheit negative Auswirkungen auf mein Forschungsvorhaben hätte. Ich könnte es eventuell bis zu einem Flugzeug schaffen, aber wohl nicht hinein, weil es wahrscheinlich nur über eine Passagierbrücke zugänglich wäre und ich ja auch keine Bordkarte vorzuweisen habe. Im schlimmsten Fall könnte ich bei dem Versuch, von hier aus ins Flugzeuginnere zu gelangen, sterben, weil ich beispielsweise den heißen Turbinen zu nahe komme. Alles in allem ist die Nähe und Leichtigkeit, die mir von meinem Platz auf dem Baumstamm vor Augen steht, ein Trugbild.
Im Gegensatz dazu ist der Weg durchs Terminal wie für mich gemacht oder zumindest für jemanden wie mich. Weil ich Arbeit habe, habe ich Geld, um mir ein Flugticket zu kaufen. Meine Nationalität bestätigt die Legitimität meiner Anwesenheit. My nationality confirms the legitimacy of my presence.
Meine weiße Hautfarbe lässt mich unbescholten und unverdächtig wirken und mein unbeschriebenes Führungszeugnis täte sein Übriges, sollte ich doch einmal in Verdacht geraten. Wenn ich mich bei meinem Weg durchs Terminal an Verhaltensregeln, Geschäftsregeln und Hoheitsrechte halte, werden sich mir alle Tore öffnen und zwar ohne dass ich Strafen, Verletzungen und Tot zu fürchten habe. Dasselbe lässt sich nicht für das Übersteigen des Flughafenzauns sagen. Sollten sich die Umstände nicht drastisch ändern, besteht für mich keine Notwendigkeit zu einem solchen Schritt. Wäre ich jemand anders allerdings, könnte diese Einschätzung auch anders aussehen.

Anna Derriks is an architect, photographer and researcher. Her project explores the spatial and aesthetic form that the national border adopts for different types of travellers at Frankfurt Airport. In her search for the border, she moves both through and around the airport, encountering glass walls, fences and sensors along the way.