Institutionen – Netzwerke – Diskurse

Die Arbeitsfelder des „Organzing Architectures“-Graduiertenkolleg

In den drei Arbeitsfeldern „Institutionen“, „Netzwerke“ und „Diskurse“ fragt das Kolleg nach der Genese von organisierten und organisierenden Architekturen, deren Konsequenzen für gesellschaftliche Räume und planerischen Entwicklungsoptionen. Dabei betrachten wir die drei genannten Arbeitsfelder nicht als präzise voneinander zu trennende, wissenschaftliche Perspektiven. Die Frage nach Institutionen, Netzwerken und Diskursen bildet unabhängig von den historisch und methodisch verschiedenen Zugängen des Kollegs den gemeinsamen Rahmen aller Beteiligten. Über eine Analyse der Institutionen wird auf gegenseitige Abhängigkeiten von Akteuren in Systemen fokussiert; bei einer Betrachtung von Netzwerken werden Erkenntnisse über weitreichende Verflechtungen und deren strukturellen Gegebenheiten möglich; in der Erforschung von Diskursen wird die Konstruktion von Narrativen und Kanon genauso untersucht wie Fragen der Rezeption und Modellbildung. Das Kolleg fordert damit den wissenschaftlichen Nachwuchs heraus, Architekturen als Produkte komplexer, kollektiver und organisierter Praktiken innerhalb gesamtgesellschaftlicher und politischer Prozesse interdisziplinär zu erforschen, um ihrem polykausalen Zustandekommen und Wirken Rechnung zu tragen. Dementsprechend sind Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Disziplinen und Forschungsrichtungen beteiligt, die den Kollegiat*innen unterschiedliche Sichtweisen auf Architekturen bieten.

Arbeitsfeld 1: Institutionen

Im Mittelpunkt des Arbeitsfeldes Institutionen stehen Prozesse der gelenkten Orientierung, Reglementierung und „Organisierung“ von Prozessen, Menschen und Dingen. Hier treten Konzepte der Effizienz, Funktionalität, Geschichtlichkeit, Hygiene, Objektivität, Rationalität, Präzision, Nachhaltigkeit, Normativität, Professionalisierung, Partizipation, Sicherheit und Transparenz sowie deren mediale Repräsentationen in den Vordergrund und werden auf ihre legitimatorische, diskurssteuernde und ästhetische Funktion hin untersucht. Historisch erfolgten die bürokratisch-administrativen Verlagerungen der Planungstätigkeiten durch die Implementierung von Oberbaudirektionen sowie Bau- und Planungsdezernaten, die Ausdifferenzierung eines formalisierten Auftrags- und Wettbewerbsverfahrens, der institutionalisierten Ausbildung in Bauakademien und technischen Hochschule, die juristische Regulierung von Planungs-, Bau- und Wettbewerbsprozessen, die Gründung von Architektenvereinen, Interessenverbänden und Organisationen wie dem Bund Deutscher Architekten 1903 in Frankfurt am Main sowie dem Deutschen Werkbund 1907 in München (Schwartz 1999). Mit den totalitären Regimen des frühen 20. Jahrhunderts lässt sich eine weitere Welle der staatlichen Einflussnahme auf die Planungspraxis sowie deren Bürokratisierung beobachten. Die damit verbundenen Ideale und Ideologien wirkten bis weit über die 1960er Jahre hinaus in den Planungsdiskursen nach. Nach dem Krieg entstanden etwa mit den Banlieues in Frankreich auf kommunaler Ebene zahlreiche Großprojekte, die im besonderen Maße politische Programme, sozialwissenschaftliche Forschungen, aktuelle gesellschaftliche Fragen, kollektive Identitätsbildungsprozesse, Erkenntnisse des internationalen Planungsdiskurses sowie Reformen der Architekt*innenausbildung miteinander verbanden. In den letzten Jahren rückten Architekturen staatlicher, nichtstaatlicher und supranationaler Organisationen wie die UNESCO, UN, die EU, aber auch von Bauträgern, Unternehmen, Banken und Versicherungsgesellschaften sowie von regulatorischen Instanzen in den Fokus der Forschung. Das Arbeitsfeld erforscht diese für die Architekturgeschichte eminent wichtigen Entwicklungen weiter und bezieht dazu grundlegende Erkenntnisse der Organisationssoziologie, Institutionenanalyse sowie der Verwaltungswissenschaften ein. Dabei nimmt das Kolleg grundsätzlichen an, dass die „verkörpernde Selbstdarstellung einer Ordnung“ durch die „symbolische Kodierungskraft von Architektur“ (Rehberg 2009) ein entscheidendes Kriterium für die Legitimation von Institutionen darstellt. Forschungsfragen ergeben sich z.B. aus folgenden Untersuchungsgegenständen: kollektive und behördliche Planung und Denkmalpflege, Archive, politische Entscheidungsprozesse, Normierung, Gesetzgebung, institutionelle Legitimationsstrategien, mediale Repräsentationsvorgaben, Wettbewerbsverfahren, Beteiligungsstrategien und der gesamte nicht reglementierte Bereich informeller Handhabungen, darunter auch Abweichungen und erlaubte Regelverletzungen sowie die medientechnologische Organisation des Entwerfens; aber auch die architektonisch-monumentale Verkörperung von Institutionen sowie patriarchalisch geprägte Strukturen, Prozesse und Vorbilder.

Arbeitsfeld 2: Netzwerke

Parallel zu den Institutionalisierungsprozessen der Moderne gewinnt ein polyzentrales Verständnis von Raum zunehmend an Bedeutung: Straßen- und Schienensysteme werden beispielsweise seit dem Ende des 18. Jahrhunderts als Netze vorgestellt, Gartenstädte und Siedlungskomplexe als über Verkehrs- und Kommunikationswege miteinander verbundene Knotenpunkte. Im Zeitalter der Digitalisierung entstehen immer komplexere Raumkonfigurationen, die eine eigene spezifische Topographie jenseits realer Orte entfalten. Der Netzwerkbegriff interessiert das Kolleg nicht allein als historisches oder zeitgenössisches Phänomen einer infrastrukturellen und medientechnologischen Neuordnung des Raumes. Anknüpfend an kulturwissenschaftliche Interpretationen sieht es darin eine heute mehr denn je wirksame Kulturtechnik, die in einem umfassenden Sinne Beziehungen zwischen Lebewesen, Dingen und Ideen organisiert. Entsprechend befasst sich das Arbeitsfeld nicht nur mit dem materiell gebauten Netzwerk, sondern auch dem Netzwerk in seiner sozial-gesellschaftlichen Begrifflichkeit als Komplex aus Akteur*innen, Medien und Objekten, aber eben auch aus Institutionen und Organisationen. Angesichts dieser hybriden Verfasstheit von Netzwerken stellt sich im Anschluss an zahlreiche Reflexionen zum Netzwerkbegriff am Anfang dieses Jahrhunderts die Frage, ob die „Dichotomie zwischen Kultur und Natur“ (Rudolph-Cleff/Gehrmann 2020), zwischen „organisch“ und „artifiziell“ (Böhme 2004), zwischen Realpräsenz und medialer Realität nicht als ein moderner Mythos zu betrachten sei (Latour 2007; Latour/Yaneva 2008; Martin 2003). Zu beleuchten wäre dies insbesondere in Bezug auf die Annahme einer ontologischen Differenz zwischen dem schöpferischen Subjekt und den ihm gleichsam objekthaft gegenübergestellten Organisationen, Institutionen, Netzwerken und Medien. Angesichts einer zunehmend netzwerkartig strukturierten Welt, stellt sich allerdings mehr denn je die Frage nach dem Erkenntnispotential solcher Erklärungsmodelle für die Untersuchung formalisierter Planungsprozesse, normativer Visualisierungsstrategien, organisatorisch-institutioneller Verfahrensweisen und Expertenkulturen. Im Rahmen des Kollegs kommt dem Konzept des Netzwerks die übergeordnete Bedeutung eines Erkenntnisinstruments zu. Anders als bisherige Forschungen zu biographischen Verflechtungen der Protagonist*innen in der Architekturgeschichte liegt der Fokus des Arbeitsfeldes auf organisatorischen Prozessen, politischen Bündnissen, ökonomischen Abhängigkeiten oder Institutionalisierungen sowie deren repräsentativen und bürokratischen Formen. Es werden Strukturen von Verbänden, Vereinen, Kammern, Vertreter*innen der Bauwirtschaft sowie privaten und informellen Netzwerken und deren Formen des „Sich-Organisierens“, wie Organigramme, Zuständigkeitsverteilungen, Austauschformen, Art der Zusammenkünfte und Kommunikationsmedien untersucht. Dabei spielen Aspekte wie Interessensvertretung, Selbstverwaltung, Kollektivierung und Austausch, Distinktion und Gruppendynamiken eine Rolle: Interpersonelle Repräsentationen (wer vertritt wessen Interessen in welchen Netzwerken, welche Konfigurationen bilden Interessen welcher Gruppierungen ab), aber auch Handlungsanweisungen und Zielvereinbarungen von NGOs oder der UN, sowie lokale Maßnahmen wie Bürgerbegehren oder -beteiligung in Planungsprozessen werden mit Fragen von Diversität und (unterschiedlichen) Sichtbarkeit der beteiligten Gruppen und Akteur*innen, Protest- und Alternativbewegungen zusammengeführt.

Arbeitsfeld 3: Diskurse

Das Kolleg erforscht wie Diskursräume konstruiert und dekonstruiert werden, welche Medialitäten und Archive als Evidenz und Berechtigung herangezogen oder ignoriert werden, und wie wissenschaftliche Diskursbildung sich in Architekturformen manifestiert. Als Bedingung architekturrelevanter Diskurse sind dabei disziplinäre, soziale, räumliche und digitale Zu- und Unzugänglichkeiten ebenso in Rechnung zu stellen wie die Frage, wie Diskursdominanz strukturell geschaffen, verteidigt und umkämpft wird. Das öffentliche Interesse an Architektur ist in der Moderne mit neuen Formaten und Medien der Reflexion wie Essays, Berichterstattungen, Polemiken, Kritiken und Manifesten verbunden. Auch dienten die Architekturen der Moderne zunehmend der Projektion ideologisch-politischer Ordnungsvorstellungen sowie der institutionellen Selbstdarstellung. Beides lässt sich unschwer an der Prominenz neuer Bauaufgaben (Museen, Parlamentsbauten, Banken, Börsen usw.) und den gesellschaftlichen Debatten, die sich bis heute daran entzünden, nachvollziehen. Beispielhaft seien hier das Palais de Justice de Bruxelles (1866-1883), die Projekte Georges-Eugène Baron Haussmanns in Paris (1853-1870), das Palais des Nations in Genf (1927), der UNESCO-Hauptsitz in Paris. In jüngerer Zeit führten z.B. die Hauptstadtplanungen in Berlin, Ground Zero in New York oder die neue Frankfurter Altstadt zu nennen. Mit dem Aufkommen korporativer Organisationen wie den Kapitalgesellschaften und Interessengemeinschaften (wie Vereine oder Verbünde) Ende des 19. Jahrhunderts einerseits und der Ausweitung des staatlichen Interventionsbereiches andererseits lässt sich eine immer engere Verquickung von Politik, Wirtschaft und Staat beobachten. Seit dem wachsenden Einfluss der Massenmedien im frühen 20. Jahrhundert und endgültig mit Globalisierung und Digitalisierung im 21. Jahrhundert erreichten derartige Verflechtungen ihren vorläufigen Höhepunkt. In jüngeren Entwicklungen spielen Real-Labore eine zunehmend wichtige Rolle in der Stadtentwicklung, in denen neben zeitlich-begrenzten Veränderungen im öffentlichen Raum (z.B. Sperrung für den motorisierten Verkehr) auch Daten zu den damit verbundenen Zielen (z.B. mehr Fahrradfahrer*innen) erhoben werden (Pandit et al. 2020). In wie weit die dabei gewonnenen Erkenntnisse in den politischen und gesellschaftlichen Diskurs einfließen und längerfristige Planungen beeinflussen ist bisher wenig untersucht. Für das Arbeitsfeld zentral ist die Frage nach der (mehr oder weniger strukturellen) Einbindung diverser Akteur*innen und Interessengruppen. Relevanz erlangen Konzepte wie das „Sprachrohr“, Stellvertretung und Repräsentanz, Ideologien und Lebensweisen, die Verbindung mit politischen Interessen sowie Formen und Möglichkeiten der Kritik. Von Interesse sind dabei Narrative, mediale Berichterstattungen (wer schreibt wo, wann und wie über Bauvorhaben?), digitale Plattformen, Vermittlungsangebote wie Ausstellungen und Führungen sowie jegliche Formen von Architekturkritik und -journalismus.

  • Böhme, Hartmut: Einführung – Netzwerke. Zur Theorie und Geschichte einer Konstruktion, in: Jürgen Barkhoff/Hartmut Böhme/Jeanne Riou (Hrsg.): Netzwerke. Eine Kulturtechnik der Moderne, Köln 2004.
  • Latour, Bruno: Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft: Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie, Berlin 2007.
  • Latour, Bruno/Yaneva, Albena: “Give me a gun and I will make all buildings move”: an ANT’s view of architecture, in: Reto Geiser (Hrsg.): Explorations in Architecture: Teaching, Design, Research, Basel 2008, S. 80–89.
  • Pandit, Lakshya/Vasquez, Gladys Fauggier/Gu, Lanqing/Knöll, Martin: How Do People Use Frankfurt Mainkai Riverfront During a Road Closure Experiment? A snapshot of public space usage during the coronavirus lockdown in May 2020, in: Cities & Health, Vol. 5, Issue sup 1 (2020), S. 243–262,
    https://doi.org/10.1080/23748834.2020.1843127.
  • Rehberg, Karl-Siegbert: Gebaute Raumsymbolik. Die ‘Architektur der Gesellschaft’ aus der Sicht der Institutionenanalyse, in: Joachim Fischer/Heike Delitz (Hrsg.): Die Architektur der Gesellschaft.Theorien für die Architektursoziologie, Bielefeld 2009, S. 109–136.
  • Rudolph-Cleff, Annette/Gehrmann, Simon: Water as a Resource, in: Wang Fang/Martin Prominski (Hrsg.): Water-Related Urbanization and Locality, Singapore 2020, S. 219–236.
  • Schwartz, Frederic: Der Werkbund. Ware und Zeichen. 1900–1914, Dresden 1999.