Architekturen Organisieren

Das Beispiel des Deutschen Historischen Museums in Berlin

von Carsten Ruhl

Die Grundannahme unseres Graduiertenkollegs ist es, dass Gebäude aus hochgradig organisierten Prozessen hervorgehen und dass sie, sobald sie gebaut sind, selbst organisierende Prozesse anstoßen können, die weit über den Bereich der Architektur hinausreichen.
Doch was ist mit Architekturen, die niemals realisiert wurden? Um dieser Frage nachzugehen, lohnt es sich, ein Projekt näher zu betrachten, welches, obwohl nie umgesetzt, einen starken Einfluss darauf hatte, wie Berlin als neue Hauptstadt Deutschlands tatsächlich gebaut wurde.

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Titelseite der Broschüre zum Architektenwettbewerb Deutsches Historisches Museum mit dem Siegerentwurf von Aldo Rossi, hg. v. Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau, Bonn 1988

Im Jahr 1988 erhielten Aldo Rossi Associati den ersten Preis im Architekturwettbewerb für das neue Deutsche Historische Museum, an dem über 200 Architekturbüros teilgenommen hatten (Abb.). Was auf den ersten Blick wie ein einfacher Vorgang erscheinen mag, erwies sich in Wirklichkeit als ein kompliziertes organisatorisches Unterfangen. Schon lange bevor Architekt*innen Entwürfe für das geplante Museum vorlegen konnten, wurden die konzeptionellen Grundlagen dieses prestigeträchtigen Projekts durch Politiker*innen, Fachleute, Kritiker*innen und Interessenvertreter*innen erarbeitet.
Angesichts der Tatsache, dass Deutschland zu diesem Zeitpunkt noch in Ostdeutschland (DDR) und Westdeutschland (BRD) geteilt war, löste die Idee eines neuen Museums, welches den Anspruch erhob, eine gemeinsame nationale Geschichte zu repräsentieren, eine langanhaltende Debatte aus. Zunächst ging es dabei weniger um die Architektur selbst als vielmehr um die Bedeutung und den Zweck einer solchen Institution. Die einen sahen darin einen legitimen Akt der Identitätsbildung, andere befürchteten eine vom Staat aufoktroyierte Geschichtsstunde. Symbolpolitische Inszenierungen nährten den Verdacht auf eine autoritäre Neuinterpretation der jüngeren Vergangenheit.

Doch wie war dieser Prozess organisiert?

1982 wurde der konservative Politiker Helmut Kohl zum Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt.
In seiner Regierungserklärung machte Kohl, der selbst ausgebildeter Historiker war, die Gründung des Deutschen Historischen Museums zu seinem persönlichen Anliegen. Er verband dieses Vorhaben mit nichts Geringerem als einer „nationalen Aufgabe von europäischem Rang“.
Im selben Jahr berief Richard von Weizsäcker, damals regierender Bürgermeister von Berlin, eine Gründungskommission aus vier Historikern ein. Drei Jahre später folgte eine Expertenkommission aus weiteren sechzehn Historikern, Kunsthistorikern und Museologen. Deren Aufgabe bestand darin, Konzepte für das neue Museum und dessen Dauerausstellung auszuarbeiten.

Im Frühjahr 1986 legte die Kommission, die ausschließlich aus männlichen, westdeutschen Experten bestand, ihr Konzept dem Berliner Senat, der Konferenz der Kultusminister und Ministerpräsidenten, dem Kulturausschuss des Bundestages und dem Bundeskabinett vor. Obwohl das Konzept von der Bundesregierung und einem Netzwerk einflussreicher Vertreter*innen aus Kultur und Politik der Bundesrepublik unterstützt wurde, geriet es schon bald in eine anhaltende Kontroverse. Der Regierung wurde vorgeworfen, Geschichte als Instrument zur Konstruktion einer neuen nationalen Erzählung zu nutzen, die die jüngere deutsche Vergangenheit verharmlose.

Infolge dieser massiven Kritik startete die Kommission eine weitere umfangreiche Kampagne. Rund 3.000 Vertreter*innen unterschiedlicher gesellschaftlicher und politischer Gruppen, Institutionen sowie einige deutsche Universitäten wurden gebeten, zum Museumsprojekt Stellung zu nehmen. Darüber hinaus organisierte die Kommission zwischen 1986 und 1987 drei umfassende Anhörungen, an denen weitere Vertreter*innen aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Kultur teilnahmen. Den Abschluss bildete ein Kolloquium in München, welches der Erörterung architektonischer und museologischer Fragestellungen diente. Etwa zur gleichen Zeit wurde eine weitere Arbeitsgruppe aus fünfzehn Expert*innen gebildet, um den Architekturwettbewerb zu organisieren.

Die Institutionalisierung der deutschen Geschichte wurde offensichtlich mit großem organisatorischen Aufwand vorangetrieben. Was jedoch nach außen als reibungslos verlaufender Organisationsprozess erscheinen mochte, geriet schon bald in den Strudel zahlreicher Konflikte.
Mit der Bekanntgabe des Siegerentwurfs weitete sich die öffentliche Debatte auch auf den Architekturwettbewerb aus. Zahlreiche Autor*innen kritisierten die mangelnde Transparenz des Verfahrens, die grundsätzlich fragwürdige Ausgestaltung der Wettbewerbsaufgabe und das Vorhaben, ein monumentales Nationalmuseum in unmittelbarer Nähe des Reichstagsgebäudes zu errichten. Der Entwurf von Aldo Rossi Associati wurde darüber hinaus mit faschistischem Monumentalismus in Verbindung gebracht. Die Jury, unter dem Vorsitz des deutschen Architekten Max Bächer, geriet zusätzlich unter Druck, nachdem der Berliner Senat drei Konsultationen durchgeführt hatte, an denen prominente Kritiker*innen beteiligt waren.

Letztlich wurde das Projekt jedoch vom Lauf der Geschichte überholt. Mit dem Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 schien ein neues Museumsgebäude am Spreebogen unwahrscheinlich. Das bedeutete jedoch nicht, dass die Pläne für ein Deutsches Historisches Museum gänzlich aufgegeben wurden.
Im Gegenteil, anstatt an dem heftig umstrittenen Entwurf festzuhalten, beschloss die deutsche Regierung, das neue Museum in einem bereits bestehenden Gebäude unterzubringen: dem Zeughaus Unter den Linden. Diese Entscheidung war allerdings nicht weniger problematisch und umstritten als der Entwurf für den Spreebogen. Denn kaum ein anderes Gebäude in Berlin repräsentierte mehr die militärische Macht Preußens und dessen imperialen politischen Ambitionen im 18. Jahrhundert.
Hinzu kam, dass das Gebäude bereits zuvor als Museum genutzt worden war. Zwischen 1953 und 1990 beherbergte es das Museum für Deutsche Geschichte der DDR, dessen Dauerausstellung von Marx‘ historischem Materialismus und der Vorstellung von Geschichte als Abfolge von Klassenkämpfen geprägt war. Ein neues Museum an diesem Ort und zu diesem Zeitpunkt, das den Anspruch erhob, eine gemeinsame und ungeteilte nationale Geschichte zu präsentieren, konnte daher kaum anders denn als problematischer Revisionismus wahrgenommen werden.

Obwohl der Entwurf von Aldo Rossi Associati nie umgesetzt wurde, hatte er dennoch einen erheblichen Einfluss auf die tatsächliche Umgestaltung Berlins zur neuen Hauptstadt Deutschlands. Teile der politischen Elite waren von den historischen Anspielungen des Entwurfs fasziniert. Denn dieser legte ganz offen nahe, dass architektonische Formen entweder aus konkreten historischen Bezügen oder aus einer eher allgemeinen Vorstellung historischer Bautypen hervorgehen. Wie Entwurfszeichnungen der Architekten deutlich zeigten, umfasste dies eine ganze Reihe heterogener bildlicher Referenzen – darunter Schinkels Altes Museum, Peter Behrens’ AEG-Turbinenhalle, Walter Gropius’ Fabrik in Alfeld, Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie sowie Heinrich Tessenows Festspielhaus Hellerau. Hinzu kamen Gebäudetypen wie die Basilika, das Kirchenschiff und die Rotunde.
Im Wesentlichen sah der Entwurf eine Zukunftsarchitektur vor, die auf der imaginären Rekonstruktion dessen beruhte, was am Ort des Baugeschehens tatsächlich fehlte. Die Geschichte, die sich aus dem Ort selbst ableiten ließe, wird hier durch die Vorstellung zeitloser architektonischer Grundformen sowie ikonischer Bauwerke ersetzt, deren vermeintlicher Ursprung sich allenfalls im kollektiven Bildgedächtnis der politischen und kulturellen Elite Berlins verorten lässt.

Neues Stadtschloss in Berlin Mitte
Humboldt Forum in Berlin-Mitte mit dem Ostflügel von Franco Stella, Aufnahme Berlin 2022.
© Minderbinder, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Das prominenteste Projekt in dieser Hinsicht ist sicherlich das zwischen 2013 und 2020 rekonstruierte Berliner Stadtschloss (Abb.). Es steht für eine Erinnerungspolitik, die das Bild einer ungebrochenen nationalen Geschichte schafft und dabei Brüche, Risse und Fragmentierungen ausklammert. Im Einklang mit diesem allgemeinen Verständnis von Stadtplanung als räumliche Neuordnung der Geschichte stellt sich die Nachbildung des alten Stadtschlosses in situ vor den Augen der Betrachtenden als etwas dar, dass es so nie gegeben hat. Zugleich ist es geprägt von einem vermeintlich zeitlosen Skelett aus streng angeordneten Fensterachsen, Loggien und Säulenhallen. Die neue Architektur ignoriert also nicht nur den gegenwärtigen Standort und seine Geschichte. Darüber hinaus soll das neue Stadtschloss demonstrieren, wie aus pseudohistorischen Monumenten etwas „Überhistorisches“ extrahiert werden kann.
So erweist sich die viel gepriesene Wiedergewinnung von Geschichte als doppelte Negation der Geschichte. Angesichts des Berliner Stadtschlosses muss die moderne Stadt daher nicht mehr vor sich selbst gerettet werden, sondern vor Projektionen, die nur wenig mit der Wirklichkeit gemein haben und dem Ort jede eigene Realität absprechen. In diesem Sinne könnte der Berliner Schlossplatz als ein utopischer Ort betrachtet werden, der zwar durch die Geschichte legitimiert ist, jedoch außer Acht lässt, wie die unmittelbare Vergangenheit diesen konkreten Ort geprägt hat.

Was können wir daraus lernen?

Nun, zunächst einmal ließe sich viel darüber lernen, wie Architektur von Institutionen und Netzwerken organisiert wird: Ministerien, kulturelle Einrichtungen, Hochschulen, Kommissionen, politische Parteien, Interessengruppen und Kritiker*innen.
Sie alle nutzten den Wettbewerb für das Deutsche Historische Museum als Anlass für eine eher allgemeine Debatte über kulturelle, historische und nationale Identitätsbildung. Dementsprechend wurde der Entwurf von manchen als kritische Reflexion über die Geschichte durch die Verwendung fragmentierter traditioneller Formen und Bezüge verstanden, während andere die Architektur mit revisionistischem Denken, historischer Ignoranz oder sogar Faschismus in Verbindung brachten.

Zudem wird deutlich, dass hochgradig organisierte Prozesse wie das Projekt des Deutschen Historischen Museums weder Kontrolle garantieren noch zwangsläufig zu einem realisierten Gebäude führen. Andererseits haben langwierige Debatten über Projekte von solcher Tragweite das Potenzial, zu prägenden Narrativen der Stadtplanung zu werden, wie etwa am Beispiel des neue Stadtschlosses deutlich wurde. Man könnte auch von einer Architektur des Diskurses und der machtvollen Referenzen sprechen, die zuweilen das Potenzial zur Materialisierung in nachfolgenden architektonischen und städtebaulichen Projekten hat.
Dies gilt speziell für das Verständnis von Stadtplanung als etwas, das weniger auf die Auseinandersetzung mit der konkreten Situation eines tatsächlichen Bauortes zielt als vielmehr auf die Konstruktion monumentaler Schimären.

Literatur:

Frederike Lausch/Phoebus Panigyrakis: Aldo Rossi in the Turmoil of „German Identity“. The German Historical Museum Competition of 1988, in: Histories of Postwar Architecture, 4(7), 2020, pp. 169–199, https://doi.org/10.6092/issn.2611-0075/11264

Paula Löwen-Pohle: Architektur als Aushandlungsprozess. Der Architekturwettbewerb zum Deutschen Historischen Museum von 1985 bis 1991, Master Thesis, Kunstgeschichtliches Institut, Goethe-Universität Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 2021

Carsten Ruhl: Simulated History. The Berlin Schlossplatz as a utopian place, in: Sylvia Martin (ed.), Allora & Calzadilla (Kunstmuseen Krefeld/Haus Esters), Nürnberg 2009, pp. 40–46

Hendrik Tieben: Aldo Rossis Auseinandersetzung mit Geschichte, Erinnerung und Identität am Beispiel des Projekts des Deutschen Historischen Museums, Diss., Zürich/Braunschweig 2005