Vortrag von Dr. Ateya Khorakiwala [Columbia University, Graduate School of Architecture, Planning and Preservation], #8 der Ringvorlesung Organizing Architectures: Coloniality
Im ländlichen Indien waren Hungersnöte im Laufe des langen 19. Jahrhunderts nahezu allgegenwärtig. Dieser Vortrag befasst sich mit einer unerwarteten Wechselbeziehung zwischen zwei Verwaltungsbehörden des späten 19. Jahrhunderts – den Bauvorschriften des „Public Works Department“ (Amt für öffentliche Arbeiten) und den Hungerordnungen des „Land Revenue Department“ (Behörde für Land- und Steuerwesen) – im Zusammenhang mit der Hungersnothilfe. Die rechnerische Logik der letzteren basierte auf dem quantitativen Fokus der ersteren. Die daraus resultierenden architektonischen und räumlichen Formen, die für die Hungersnot-Hilfsmaßnahmen vorgeschrieben wurden, stellten die Fähigkeit der Arbeiter*innen, ihren Gesundheitszustand einzuschätzen, ständig auf die Probe: Mit wie wenig Nahrung kann ein Körper arbeiten, überleben oder gedeihen? Architektonische Techniken setzten utilitaristische Prinzipien von Quantität und Zeit durch: nicht zu viel Nahrung und nicht zu früh gegeben. Anhand einer Auswertung des Archivs von Dokumenten zur Hungersnot – Untersuchungskommissionen, Vorschriften, Berichte, Hungersnot-Schriften sowie Tagebücher und Biografien von Verwaltungsbeamten – argumentiert dieser Vortrag, dass öffentliche Bauvorhaben und Hungersnot eng miteinander verflochten waren, nicht in der Art und Weise, wie sie sich gegenseitig entgegenwirkten, sondern vielmehr darin, wie sie zusammenwirkten, um die Landschaft und das Verhältnis zwischen Verwaltung und Bauernschaft im späten 19. Jahrhundert bis zum Ende der Kolonialherrschaft neu zu gestalten.
